Ausgabe 2_2017
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Der Zweifel ist der natürliche Antagonist der Gewissheit. Die Gewissheit wiederum steht in einer engen Beziehung zur (objektiven) Wahrheit – besteht über eine bestimmte Tatsache Gewissheit, gilt diese als «wahr». In unserer immer komplexeren, zunehmend vernetzten und – vermeintlich? – transparenten Gesellschaft wird es indes immer schwieriger, über alles und jeden Gewissheit zu haben und die Wahrheit ans Licht zu bringen – allenthalben werden Zweifel gestreut; Enthüllungen über «Leaks», «Fake News» und ähnliche Phänomene verunsichern zusehends die Menschen und lassen sie in ihrer Hoffnung auf Gerechtigkeit und Gleichbehandlung mitunter resignieren.
Der Sport bildet hier keine Ausnahme. Insbesondere in Sportarten, in denen ein einziger Entscheid über das Überleben oder den Untergang einer Mannschaft bestimmen oder für einen Sportler oder für ein Unternehmen existenzielle Folgen haben kann, können Beurteilungsfehler fatale Konsequenzen nach sich ziehen. Die Thematik wird im Moment wieder rege diskutiert. In Anbetracht dieser Umstände akzentuiert sich das Streben nach absoluter Gewissheit (Tor oder kein Tor? Ist der Ball vor, auf, hinter oder neben die Linie gefallen? Hat der Schiedsrichter richtig entschieden?) auch auf dem Spielfeld. Schiedsrichterentscheide werden heute anhand von Videoaufnahmen, die in Zeitlupe, in Vergrösserungen usw. analysiert werden, im Rückblick kommentiert, bewertet, kritisiert, oft geradezu seziert – und im Ergebnis eben entweder bestätigt oder widerlegt. Der früher omnipotente Schiedsrichter ist heute mit Technologien konfrontiert, die ihn Lügen strafen oder bestätigen können. Aufgrund des daraus resultierenden zunehmenden Drucks stellt sich die Frage, ob der Schiedsrichter in seiner Arbeit durch technische Hilfsmittel unterstützt werden muss, damit sich sein Blickwinkel erweitert und die objektive Wahrheit jeweils tatsächlich auch erkannt wird. Im Tennis und im Eishockey hat ein entsprechender Paradigmenwechsel bereits stattgefunden, im Fussball und in vielen weiteren Sportarten zeichnet er sich ab. Daran zeigt sich aber auch, wie schwierig es geworden ist, Schiedsrichter – oder auch ganz allgemein Richter – zu sein. Der Schiedsrichter war mit seinen Entscheidungen immer alleine; es wurden jedoch immer mehr Hilfsmittel beigezogen, um diese im Nachhinein zu hinterfragen.